„Williams Mix“ – Eine Kooperation John Cages und David Tudors am Black Mountain College

 

Im Sommer 1952 schrieb der amerikanische Künstler und Komponist, John Cage, einen Kompositionskurs für Studenten der Summer Sessions des Black Mountain College aus, um in einem Gemeinschaftsprojekt die Tonbandpartitur „Williams Mix“ zu entwickeln. Doch wider Erwarten blieben sämtliche Einschreibungen aus, was Cage dazu veranlasste, das Musikstück mit David Tudor, dem Pianisten und von ihm bevorzugten Interpreten seiner Kompositionen, zu realisieren. (1)

Seit seinem ersten Treffen mit dem französischen Komponisten, Pierre Schaeffer, hegte Cage den Wunsch eine Partitur aus Tonbandschnitten zu entwickeln. (2) Schaeffers Erfindung der musique concrète, in der mit montierten und verfremdeten Mikrofonaufnahmen aus Natur und alltäglicher Umgebung gearbeitet wird, nahm erheblichen Einfluss auf Cages weiteres Schaffen. So veröffentlichte Cage im Januar 1952 das erste eigene Werk dieser Art: “Imaginary Landscape No. 5” ist eine nach dem Prinzip der chance operations entstandene Collage aus 43 Aufnahmefragmenten verschiedener Jazzstücke. Bei den chance operations handelt es sich um ein komplexes Verfahren, bei dem mehrere Münzen drei Mal geworfen und die Ergebnisse mithilfe der Hexagramme des I Ching ausgewertet werden. Das Buch I Ching stellt die Anleitung eines komplexen Weissagungssystems dar, das Cage benutzte, um zu entscheiden, an welcher Stelle das Tonband geschnitten und an welcher es wieder zusammengefügt werden sollte. (3)

Weitere Experimente mit Tonbandkompositionen erfolgten in Zusammenarbeit mit Tudor und den Ingenieuren Louis und Bebe Barron, mit welchen Cage sich zur Gruppe “Project:Sound” zusammengeschlossen hatte. Sie produzierten in einem von Paul Williams, einem ehemaligen Studenten des Black Mountain College, finanzierten Aufnahmestudio. (4) Die kostspielige Produktion solcher Partituren sowie deren Abhängigkeit von der Verfügbarkeit des Studios veranlasste Cage zur Konzeption eines Stücks, dessen Umsetzung davon unabhängig war.

„Williams Mix“ trägt den Namen seines finanziellen Förderers und impliziert einen Katalog von auf Tonband aufgezeichneten Alltagsgeräuschen. Diese wurden von Tudor, Cage und zeitweise auch den Barrons in verschiedene Gruppen wie Stadt, Land, Elektronik etc. kategorisiert und den musikalischen Parametern Tonhöhe, Klangfarbe, Lautstärke, Dauer etc. mithilfe der chance operations zugeordnet. (5) Das Ergebnis dieses langwierigen und zufälligen Verfahrens ist eine Tonbandkomposition aus acht Stücken, die jeweils vier Minuten lang sind, deren Partitur jedoch 400 Seiten umfasst. Die ungewöhnliche Behandlung von Alltagsgeräuschen als Musik und die damit einhergehende Neudefinition von Klang, die somit erfolgt, geben den offensichtlich starken Einfluss der musique concrète auf Cages Schaffen preis.

John Cage, »Williams Mix«, 1952 Fotografie | © John Cage

John Cage, »Williams Mix«, 1952
Fotografie | © John Cage

Der Entstehungsprozess von “Williams Mix” ist langwierig, mitunter problematisch, vor allem aber experimentell. Angestoßen durch das Treffen mit Pierre Schaeffer, entwickelt mithilfe der Konzeption von “Imaginary Landscape No. 5” sowie zahlreichen Kompositionsexperimenten im Aufnahmestudio von “Project:Sound” entstand “Williams Mix”. Nicht zuletzt spiegelt sich die hier skizzierte Werkentwicklung im prozessorientierten Experimentcharakter des sich im Unterricht des Black Mountain College manifestierenden Lehr- und Lernkonzepts wieder. Denn “Williams Mix” entsteht zufallsbedingt. Unvorhergesehene Problematiken wie die fehlenden Einschreibungen für den Sommerkurs, in dessen Rahmen “Williams Mix” ursprünglich entwickelt werden sollte, sowie finanzielle Schwierigkeiten aufgrund zu hoher Kosten des Produktionsverfahrens, führen nicht etwa zum Ende des Projekts, sie leiten dieses, ohne bewertet zu werden.

“Williams Mix” stellt zudem ein Beispiel für eines der fruchtbaren Ergebnisse der außergewöhnlichen, während der Summer Sessions entstandenen Künstlerkooperationen dar. Cage und Tudor standen zwar – vergleichbar mit Charles Olson und Robert Creeley – bereits vor dem Aufenthalt am Black Mountain College im Sommer 1952 in Kontakt und traten auch gemeinsam im Rahmen von Veranstaltungen der Cunningham Dance Company auf (6), gemeinsam entwickelte Arbeiten, innerhalb derer beide Künstler ihre Kenntnisse und Richtungen einbringen und sich somit gegenseitig beeinflussen konnten, entstanden jedoch erst dort. Die Summer Sessions, welche stets eine hohe Anzahl innovativer, in ihren Berreichen als Vorreiter geltende Künstler vereinte und denen eine besonders freie, offene Atmosphäre innewohnte, bildeten die geeignete Umgebung für eine besonders intensive Zusammenarbeit, welche von zahlreichen Einflüssen anderer Künstler, wie beispielsweise Robert Rauschenberg, geprägt war und die neben der Entstehung von “Williams Mix” auch richtungsweisende Kollektivarbeiten wie “Theater Piece No. 1” ermöglichte.

Ein Artikel von Verena Kittel

Teilnehmende Studentin der Lehrveranstaltung “Black Mountain College als Kreativitätsmodell. Zur Genealogie entgrenzender Kunstpraktiken und performativer Künste” (WS 13/14) geleitet von Prof. Dr. Annette Jael Lehmann an der Freien Universität Berlin.

1 Vgl. Schoon, Andi: Die Ordnung der Klänge, Das Wechselspiel der Künste vom Bauhaus zum Black Mountain College, Bielefeld 2006, S. 118. 2 Vgl. Katz, Vinzent: Black Mountain College. Experiment in Art, Ausst.-Kat. Madrid, Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid 2002, S. 137. 3 Ebd. 4 Vgl. Harris, Mary E.: The arts at Black Mountain College, Cambridge 1987, S. 226. 5 Vgl. Schoon 2006 (wie Anm. 1), S. 118. 6 Vgl. Iddon, Martin: John Cage und David Tudor. Correspondance on Interpretation and Performance, New York 2013, S. 2.