Zugänge zu Black Mountain

Studierende des Seminars

Studierende des Seminars “Black Mountain-Tracing Basics. Modelle performativer Künste und Wissenschaften” im Seminarraum des theaterwissenschaftlichen Instituts der Freien Universität Berlin.

Wie kann kollektives Arbeiten funktionieren? Sechs Studierende der Theaterwissenschaft (FU Berlin) arbeiten gemeinsam zusammen im Seminar Thema Black Mountain. Tracing Basics. Wir beteiligen uns am Black Mountain Research und am Blog zur Ausstellung im Hamburger Bahnhof. Woher kommt überhaupt dieser Plural im Pronomen ‘Wir’? Wie kann man zu sechst zusammen sitzen, an einem Thema schreiben und dabei eine Einstimmigkeit in der Mehrstimmigkeit finden? Wie choreographiert man einen Spagat zwischen den Ausgangspunkten unserer jeweiligen persönlichen Zugänge zum Thema des Black Mountain College: Der Plural lässt sich nicht unisono behaupten, dennoch trägt er unser Vorhaben und vielleicht wird er ja in der gemeinsamen Arbeit am Blog als Polylog entfaltet.

Mich interessiert insbesondere, dass die Studierenden sich für diesen Lebensweg, das Black Mountain College, entschieden, bei dem sie schlussendlich ohne Abschluss oder ein anerkanntes Zertifikat dastehen würden. Es ging hier vor allem darum, zu lernen, sich auszutauschen und zu arbeiten, ohne dabei ein abschließendes Ziel in Aussicht zu haben. Es handelte sich offenbar um einen Prozess, der aus meiner Sicht der ausschlaggebende Aspekt der Kunst ist und ihr ihren Wert verleiht. Heutzutage scheint es undenkbar, dass Menschen eine Institution zur Ausbildung besuchen, wissen, dass sie offiziell letztlich genauso wenig für Bewerbungen vorzuweisen haben, wie zuvor.

Um die Philosophie der Bildungsvermittlung von Black Mountain zu verstehen, führt mein Weg über die Personen hinter den Kulissen. Wer traf im College aufeinander? Wer lehrte und wer lernte? Nur eine Auswahl betrachtend, aber den Weg folgend, kommen wir an Künstlern wie Josef Albers, berühmt durch seine Zeichnungen auf Grundlage optischer Täuschungen, an Action-Painting Vertreter Willem de Kooning oder John Cage als Komponist aber auch Begründer der Happeningbewegung vorbei, wir treffen aber auch auf den Designer Richard Buckminster Fuller und nicht zuletzt passieren wir keinen geringeren als Albert Einstein. Da stellt sich die Frage, wie kann Kunst, Musik, Architektur und Physik zusammen gedacht werden? Wo treffen sich die Personen aus unterschiedlichen Richtungen? Wo verknoten sich ihre Fäden? Hier liegt die Antwort in Black Mountain, im Versuch einen interdisziplinären Raum zu schaffen, eine Institution, die Lernen, Lehren und Leben vereint, ein Experiment, das verbindet, aber zugleich Freiheiten lässt.

Der Neoliberalismus stellt gleichzeitig den Höhepunkt und das Ende freien künstlerischen Arbeitens dar. Im entgrenzten Feld kreativer Praktiken, sei es in der Kunst oder in der Wirtschaft, ist keine Methode undenkbar, keine Produktionsweise unmöglich, solange sie nur zum (ökonomischen) Ziel führt. In eben dieser zielführenden Zweckgebundenheit liegt jedoch auch das Ende der Kreativität, da zweckfreies Arbeiten nicht mehr möglich ist. Kunst aber auch Lehre büßen ihre Freiheit ein. Daher sind die zentralen Fragen: Wie gelang es am Black Mountain College einen Raum für wirklich freies kreatives Arbeiten zu schaffen. Wie wurde kreativ gearbeitet? Welcher Dozent vertrat welchen Ansatz? Seit den 1990er-Jahren hat sich auch in Mitteleuropa der aus den USA kommende Imperativ der Kreativindustrie durchgesetzt. Das kollektive Experimentieren im gegenwärtigen Gesellschaftsmodell wird dabei im Rückgriff auf Techniken gedacht, die im Black Mountain College angewandt und gelebt wurden: Zugriff auf geteilte Ressourcen, eine hohe Toleranz gegenüber Fehlern, der Begriff der ‘Differenz’, wie auch die Arbeit in kollektiven Strukturen.

Die künstlerische Arbeit entwickelte sich untrennbar von den sozialen, ländlichen und interdisziplinären Lebensprozessen in Black Mountain, als Schule, die weit über ihre institutionelle Begriffsformung hinaus reichte und dabei das Experimentieren als Pulsader der fortwährenden Entwicklungen begriff. Woduch unterscheiden sich die neoliberalistischen Modelle der Creative Industries vom Lehren und Lernen damals? Auch ist für meine Fragestellung die Verstrickung von Kunst und Wirtschaft relevant, die heute zu einem Kreislauf der Partizipation geworden ist: Ist ein Vorhanden-Sein konkreten Wissens um die eigene Zukunft in gegenwärtiger Zeit nicht eher ein gesellschaftliches Randphänomen fernab projektorientierter Möglichkeitshorizonte? Wie lässt sich Verweigerung in solchen Zusammenhängen noch denken?

Künstlerische Arbeitsprozesse sind so unterschiedlich wie ihre Ergebnisse. Immer wieder stellt sich mir die Frage, wie in einer Gruppe zusammen gearbeitet wird, wie eine Gruppe sich bildet und wo sich das Ergebnis verorten lässt. Kunst entsteht immer in einem Zusammenhang von mehreren. Im Zusammenhang von einem Subjekt zu seiner Umwelt, in einem Duo, Kollektiv, im Falle von Black Mountain in einer Gruppe von Schülern, Dozenten und Besuchern. Letztlich spiegelt das Werk den Arbeitsprozess wider und findet sich in der Gesellschaft von vielen. Wie kann man heute zusammenarbeiten, um den komplexer gewordenen Zusammenhängen gerecht zu werden? Was ist noch und wieder zeitgemäß?

Drei Fragen bleiben bei diesen ersten Zugängen außerdem offen und begleiten und weiter:
Wie kann es gelingen, Recherchearbeit zum Black Mountain College mit Methoden, die in Black Mountain etabliert wurden, zu leisten?
Ist unser Zugang zu Black Mountain klischeebehaftet?
Rekurrieren wir immer auf dieselben Ikonen?

Ein Artikel von Sophie Boysen, Anna-Maria Fiala, Lena Fiedler, Barbara Przynoga, Christopher Ramm, Henrike Simm

Teilnehmende StudentInnen der Lehrveranstaltung “Black Mountain-Tracing Basics. Modelle performativer Künste und Wissenschaften” (Sommersemester 2015) geleitet von Prof. Dr. Annette Jael Lehmann an der Freien Universität Berlin