Statement zur Ausstellung

Statement zur Ausstellung „Black Mountain – Ein interdisziplinäres Experiment 1933-1957“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin

Ausstellungsansicht „Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933- 1957“ im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart – Berlin. © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB / Thomas Bruns

Ausstellungsansicht „Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933- 1957“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin. © Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB / Thomas Bruns

Das Faszinierende am Black Mountain College ist für mich der reformpädagogische Ansatz zu dieser Zeit, d. h. interdisziplinär zu arbeiten, durch Wissensteilung gemeinsame Projekte zu verwirklichen, wobei der Schwerpunkt auf dem Prozess liegt und nicht das konkrete Ergebnis (als Telos) oder der Inhalt im Vordergrund steht. Diese Fokussierung auf Prozesse, in denen die Partizipation, d. h. die Teilnahme an die Erfahrung (mit Anderen und Materialien) gebunden ist, ermöglicht eine Offenheit und gemeinschaftliches Erleben, das unabhängig ist von konventionellen Alltagsmustern. Auf diese Weise kann, m. E., der Einzelne sehr gut in der Gemeinschaft lernen, seine Autonomie zu bewahren und sich sinnvoll in gemeinsame Prozesse einzubringen; sich als ein sinnvoller elementarer Teil des Ganzen (des Prozesses) zu verstehen, ohne in diesem unterzugehen und dabei seine individuelle und einzigartige Bedeutung, bzw. seine Einflussmöglichkeit zu verlieren. Der Druck, die Angst vor dem Scheitern, die Schwierigkeit für den (Kunst-)Studenten ein hochkarätiges Kunstwerk, das am besten alle vorhergegangenen Kunstwerke in den Schatten stellen soll, wird durch diese Orientierung am Prozesshaften genommen. Der andere wird so nicht zum Konkurrenten, der immer wieder überboten werden muss, sondern zum wertvollen Freund oder Partner, durch den man zu neuen Anregungen und Wahrnehmungen gelangen kann, den man somit anerkennt und achtet in seiner Autonomie und den man letztlich benötigt, denn ohne den anderen kann sich auch keine Selbstautonomie, Selbstverantwortung und Selbstorganisation frei entwickeln.

Die Ausstellung zeigte sehr schön diese Orientierung am Prozesshaften, die Gemeinschaftsbildung in interdisziplinären Kunsterfahrungen, durch die einzelnen ausgestellten Exponate, wie die verflochtenen Stoffe, der Filmbeitrag und die Fotos zu den Tänzen, die Fotos von der Theaterinszenierung, die Verweise auf das legendäre „Untitled Event“, auf die Übersetzerin von Artauds Buch, die wunderbaren Klavierkompositionen und die Bilder von Schawinsky, in denen das Zusammenfließen von Naturwissenschaft und Kunst sehr deutlich wird. Die Ausstellung hat einen sehr guten historischen Rückblick geschaffen und man kann ihr nur wünschen, dass ihr Streben nach einer aktuellen Debatte um Fragen der Ausbildung von Künstlern/innen Früchte trägt.

Ich persönlich träume seit vielen Jahren von einer Schauspielschule auf dem Land mit Selbstversorgung, deren pädagogischer Schwerpunkt auf der Prozesshaftigkeit organischer Ambivalenz liegt und insofern interdisziplinär ist, dass in ihr auch interdisziplinär Geisteswissenschaften gelehrt werden, wie Philosophie und Religionswissenschaft etc., allerdings nicht, wie heute noch meist üblich in der abendländischen logozentrierten Form, sondern diese Formen organisch-ambivalent dezentriert umgewertet werden, wobei das Theater, bzw. die organisch-ambivalente Form von Schauspiel (wie sie beispielsweise Grotowski entwickelt hat), eben dies ermöglichen würde, d. h. durch das Theater Philosophie oder Religionswissenschaft (sowie uralte Wissenschaftsformen) aus ihrer Theorie in die Praxis überführt werden können, um Impulse zu einem sinnvollen, lebendigen, gemeinschaftlichen Zusammenleben zu finden. Allerdings ist dies ein schwer realisierbarer Traum, denn schon eine natürliche organische Ambivalenz zwischen dem Wesen des Körpers und dem Wesen selbst herzustellen, d. h. alle natürlichen Prozesse so miteinander organisch-ambivalent zu verflechten, dass man von einer ganzheitlichen natürlichen Selbstautonomie sprechen kann, würde bei intensivem Unterricht sieben Jahre dauern. Erst an diesem Punkt ist der Mensch fähig Selbstverantwortung zu übernehmen, bzw. den „Körper des Wesens“ zu bilden, wie es Grotowski nennt, was ungefähr allgemein übersetzt werden kann mit Begriffen, wie Selbstbewusstsein, zum Geist unmittelbar zu gelangen oder auf Heideggersche Weise, das „Dasein vom Sein“ aus zu denken, bzw. etwas weniger philosophisch gesagt, natürliches Dasein aus dem Sein zu erleben. Um dies zu erreichen ist eine bestimmte Begabung erforderlich, aber man kann sagen, dass ca. 35-40% der jungen Erwachsenen, diese Möglichkeit noch besitzen. Solche dem Reformtheater entsprechenden, pädagogischen Formen des Lernens sind so nicht völlig unmöglich und man kann von Projekten wie dem Black Mountain College lernen, was man gerade dafür verwaltungstechnisch tun müsste. Daher ist es sehr schön, dass sich die Gestalter der Ausstellung die liebevolle Mühe gemacht haben, dieses College öffentlich in Erinnerung zu rufen, mit dem verbundenen Wunsch reformpädagogische Debatten herbeizuführen!

Ein Artikel von Enri Schöner

Teilnehmender Student der Lehrveranstaltung “Partizipation in den Theateravantgarden und Performativen Künsten” (Sommersemester 2015) geleitet von Prof. Dr. Annette Jael Lehmann an der Freien Universität Berlin